Charles Melman: Woran erkennt man eine Assoziation von Analytikern?
Zunächst muss man eine Sache wissen: eine psychoanalytische Assoziation - das funktioniert, das klappt nie. Und die Frage, die sich stellt, ist, ob wir heute in der Lage sind, eine Assoziation zu gründen, die den Prinzipien der Psychoanalyse entspricht. Noch nie hat eine psychoanalytische Assoziation funktioniert. Warum nicht?
Zunächst einmal, weil eine Assoziation – eine Assoziation, deren Aktivität eine intellektuelle ist, - sich immer auf eine gründende Autorität bezieht. Sie beruft sich immer auf ein einmal für immer von dieser Autorität etabliertes Wissen. Wenn die Mitglieder der Assoziation dieses Wissen studieren, verlieben sie sich in die gründende Autorität – Sie sehen, dass das eine Beziehung zur Religion hat, gestern1 wollte ich davon nicht sprechen. Aber in zwei Monaten fahre ich nach Marokko, Fez, und der Titel, den ich gegeben habe, lautet „Warum bin ich in einen Text verliebt?“
Das spezifische Problem des Psychoanalytikers ist, dass seine Aufgabe zunächst darin besteht, die Übertragungsliebe auf den Gründer aufzulösen (zu liquidieren), und er kann gleichzeitig glauben, dass diese Auflösung durch die Liquidierung des Wissens des Gründers geschieht und dass er selber ein neues Wissen begründen wird und dass dies die gute Art ist, sich vom Gründer zu befreien.
Darum gibt es sowohl in den Religionen wie aber auch in der Psychoanalyse so viele Schismen. Es gibt keine einzige Religion, bei der es keine Schismen gegeben hat. Wir glauben z.B. heute, dass der Islam eine Front gegen den Okzident bildet. Doch gibt es innerhalb des Islams Religionskriege, die noch blutiger sind als der, der gegen den Okzident geführt wird. Wir wissen, dass das Christentum selbst zur Entstehung zahlreicher Kirchen geführt hat, und die Bewegung geht weiter. Wenn Sie zum Beispiel nach Lateinamerika fahren, können Sie feststellen, dass immer neue Kirchen entstehen, die sich auf ein und dasselbe Wissen, jedoch anders angewandt, beziehen.
Das Problem, das sich uns seit Lacan stellt – denn um Freud herum war die Bewegung, wie ich Sie ihnen beschrieben habe: Adler, Ferenzci, Jung, Reich, selbst Jones haben andauernd neue Schulen gegründet, die sich vom Wissen des Gründers befreien wollten.
Dies bewirkt, dass der Gründer nur eine Wahl hatte und von der spricht Lacan. Er sagt, dass Freud seine Schule wie eine Kirche gegründet hat, d.h. mit einer dogmatischen Behauptung seiner Konzepte und mit einem Respekt dem Gründer gegenüber, der dem religiösen Respekt vergleichbar ist. Seit der Lehre Lacans wissen wir zumindest zwei Dinge: dass sich dieser Gründer im Realen auf ein mindestens-Einen (au-moins-Un) stützt, dem wir immer die Fähigkeit zusprechen, Autor dieses Wissens zu sein. Aber dieses mindestens-Einer hat keine andere Realität als ein Einer zu sein. Und diejenigen unter Ihnen, die das Studieren lieben, lade ich ein, Plotin zu studieren. Wir werden sehen, wie Plotin in dem Moment, in dem das Christentum entstand, Platon mit dem Kult des Einen zu vereinigen wusste.
Andererseits wissen wir seit Lacan von der Tatsache, dass ein Wissen einen Wert nur in dem Maße hat, als es ein Reales einsetzt. Ein Wissen, das kein Reales einsetzt, d.h., das vorgibt totalitär, dogmatisch zu sein, ist entweder ein verrücktes Wissen oder das Instrument einer auf die menschlichen Wesen auszuübenden Macht.
Lacan sagt oft, dass, wenn es den Mythos, das Konzept, den Oedipusmythos in der Lehre Freuds nicht gäbe, sie eine verrückte Lehre wäre, dass aber der Oedipusmythos in gewisser Weise das Reale stützt, d.h., dass es immer ein Unmögliches gibt, das von keinem formalisierten Wissen gelöst werden kann. Jedes Wissen, wenn es streng und nicht verrückt ist und wenn es keine religiösen oder politischen Absichten hat, erkennt an, dass es ein Unmögliches gibt, aus dem das Reale gemacht ist. Was heißt, dass die Konzepte in der Psychoanalyse nie vorgeben, das Reale zu fassen kriegen zu können, sondern sich ihm nur annähern zu können - und das ist explizit das, was Lacan sagt.
Wenn Lacan seiner eigenen Lehre einen derartigen Wert beimaß und wenn er sagte, das seine Schüler dieser Lehre folgen sollten ohne zu versuchen, sie zu verstehen, dann weil seine Lehre die einzige ist, die diese Dimension des Realen respektiert, dieses Unmögliche, das sich als eine wesentliche Dimension erwiesen hat.
Ein Unmögliches, das nicht dazu gemacht ist, die Grenze unseres Wissens zu markieren, sondern ein Element, das man in unser Wissen integrieren muss, auf die gleiche Art, in der Cantor, als er dem Unendlichen einen Buchstaben gegeben hat, die Mathematiken vollkommen modifiziert hat, denn seit Cantor kann man das Unendliche mit in die Kalkulation nehmen und diese Tatsache ändert diese Kalkulation vollständig. Und auf die gleiche Art verändert die Tatsache, das Reale, d.h. das Unmögliche in unsere Rechnung mit einzubeziehen, vollkommen die Korrelation dessen, was das Symptom, was der Signifikant, was der Name-des-Vaters ist, denn der Name-des-Vaters ist einfach der Signifikant, der dazu da ist, dem Subjekt zu sagen, dass es ein Unmögliches gibt. Dieses Unmögliche stellt das Verbot der Mutter dar.
Das Problem der psychoanalytischen Assoziationen ist anerkennen zu müssen, dass es im Realen keinen anderen Autor, keinen anderen Schöpfer gibt, als dieses mindestens-Einer „zumindest-Einer“, ein reines Eins, und dass andererseits das Wissen nicht dogmatisch festzumachen ist, sondern dass es nur in dem Maße authentisch ist, als es den Platz des Realen, des Unmöglichen anerkennt.
Als Lacan über den borromäischen Knoten arbeitete, hatte er eine ständige Sorge: was ist der Platz des Unmöglichen im borromäischen Knoten? Und Sie können sich nicht vorstellen, wie viele Stunden er mit zwei Jungen, die Mathematiker waren, verbrachte, um herauszufinden, wo die Grenze des borromäischen Knotens ist, und zwar mit der Gewissheit, dass, wenn er das Unmögliche des borromäischen Knotens nicht finden würde, er im Irrtum wäre. Wenn Sie jedoch einer Assoziation im Gebiet des kulturellen Lebens angehören, wird gefordert, dass es einen Gründer gibt und dass die in der Assoziation ausgeübte Macht sich auf den Gründer stützt, oder auf einem vom Gründer Benannten.
Ich zum Beispiel bin in der ECOLE FREUDIENNE DE PARIS bestimmt worden, vom Gründer bestimmt worden und von dem Moment an war meine Autorität begründet. Und dann zweitens: wenn man zu einer Assoziation gehört, will man, dass das Gründungswissen ein für alle mal feststeht, denn, Sie werden das gut verstehen, wenn man Schüler haben will, müssen diese sich auf ein ein für alle mal etabliertes Wissen beziehen können - wenn es dieses nicht gibt, kann man keine Schüler bilden. Die Schüler können nicht hoffen, dass sie eines Tages selber Maitres/Meister werden, d.h. Maitres/Meister des Wissens. Wenn das Wissen variiert, labil ist, wie dann vorgeben, dass man Maitre/Meister des Wissens ist? Also wie kann man behaupten, vorgeben, dass man selber ein Maitre ist.
Vorhin habe ich meine Äußerungen damit beendet zu sagen, dass das Objekt klein a die Stütze aller Werte sei. Wenn Sie sehen, wie der analytische Diskurs geschrieben wird, sehen Sie, dass das, was an den Platz des Herren gesetzt ist, nicht der Signifikant ist – das ist es, was ein jeder hofft – der Herrensignifikant, denn ich kann immer hoffen, den Herrensignifikant zu erlangen, und dass ich Maitre/Meister für mich selbst werden würde. Aber im Diskurs des Psychoanalytikers ist das, was am Platz des Herren steht, der Buchstabe, der jeglichen Wert, jegliche Bedeutung annehmen kann und der in gewisser Weise daran erinnert, dass es keinen vollendeten Sinn gibt, in anderen Worten, dass es immer nur ein Reales gibt und dass dieses Reale die Bedingung unseres Genießens ist. Damit der Zugang zum Genießen gegeben ist, muss es ein Unmögliches geben.
Wenn die Mutter nicht verboten ist, ist der Zugang zum Genießen unterbrochen, gestört, schwierig. Sie sehen, dass wir uns gleichzeitig in einem sehr abstrakten Gebiet befinden – das man kaum versteht – das jedoch sehr praktisch ist und das sowohl das individuelle als auch das Leben von Assoziationen bestimmt.
Sowohl Lacan, als auch Freud haben mehreren Schismen beigewohnt. Wenn ein Schüler groß wird, glaubt er, dass er selbst auf den Platz des Maitre/Meisters kommen und sein eigenes Wissen gründen kann. … (Tonbandwechsel)
Wir akzeptieren nicht, dass die Macht des Maitre/Meisters limitiert ist, wir lieben den Maitre/Meister nur, wenn er totalitär ist. Wenn er nicht totalitär ist, können wir ihn aus Mitleid, aus Barmherzigkeit lieben, wir können ihn für seine offenen Wunden lieben und für die Ungerechtigkeit, die ihm zugefügt wird, da er nicht totalitär ist.
Eine weitere Erfahrung: vor einigen Jahren habe ich mich von der Direktion der Assoziation, die ich gegründet habe mit folgender Absicht zurückgezogen: wenn meine Lehre wirksam gewesen ist, ist es normal, dass meine Schüler nach mir eine wirkliche psychoanalytische Assoziation gründen können, d.h. eine von den Problemen mit dem Gründer befreite Assoziation, mit einer gesunden Beziehung zum Wissen, da ein wirkliches Wissen ja nicht totalitär sein kann, sondern die Dimension des Unmöglichen anerkennen muss. Und was musste ich feststellen? Ich habe festgestellt, dass sehr begabte Schüler, die ich immer noch schätze, sofort die absolute Beherrschung des psychoanalytischen Wissens behaupteten, d.h. einen typisch universitären Diskurs förderten, denn das universitäre Wissen S2 ist von dieser Art. Ich musste also eingreifen, um zu versuchen, die Situation zu retten. Eine alles andere als perfekte Situation.
Wenn ich an den Versammlungen des Vorstands der EFP teilnahm – was ich während der ganzen Zeit der Existenz der EFP getan habe – nahm Lacan eine ganz präzise Position ein: er sagte nie irgendetwas. Das war seine Art, die EFP zu leiten, d.h. er setzte für jeden seiner Schüler die Tatsache ein, dass es im Anderen, im großen Anderen, keinen guten Vater gibt, der uns dirigiert und orientiert. Er sagte uns. „im großen Anderen gibt es nichts als das Schweigen und sehen Sie zu, wie Sie damit fertig werden“. Hat das geklappt? Nein. Was kann also klappen?
Mein Gesichtspunkt ist: wenn Sie die Geschichte der psychoanalytischen Bewegung lesen – das ist sehr instruktiv und zwar nicht wegen der Anekdoten, sondern wegen dem, was das enthüllt – sehen Sie, dass alle psychoanalytischen Bewegungen wie Familien angelegt sind und dass es dieselben Kriege wie im Innern der Familien gibt und vor allem diese absolut fundamentale Frage, wer der Lieblingssohn oder die Lieblingstochter ist. Ich erzähle Ihnen das, weil ich finde, dass die Psychoanalyse, die seit mehr als 100 Jahren existiert, etwas Besseres als das verdient und dass wir den Beweis ihrer Wirksamkeit nur in dem Maße haben, als wir eine Assoziation haben, die weiß, dass das Reale keinen anderen Bewohner hat, als das „wenigstens Einer“/mindestens-Einer, d.h. einen reinen Zug Eins.
Plotin war in das Eins verliebt, man kann sich darein verlieben, aber im Realen gibt es nichts als einen Zug Eins und andererseits kann das Wissen nie vorgeben unseren Wunsch zu erfüllen, total, vollständig, geschlossen, ein für alle mal etabliert zu sein, so dass ich nur seiner Schiene zu folgen habe und dass von daher alle familiären Streitigkeiten in den Assoziationen einfach die Tatsache beweisen, dass wir auf die Psychoanalyse nicht das anwenden, was sie uns lehrt.
Ich denke, dass das etwas ist, das wir heute in die Tat umsetzen können – vielleicht täusche ich mich – ich glaube wir können es verwirklichen und wenn wir das erreichen, wird das eine Gesellschaft schaffen, deren soziale Bande vollkommen anders und sehr interessant sein werden.
Ich hatte in Paris vorgeschlagen, mehrere Tage über folgende Frage zu sprechen: was wäre die ideale CITE für einen Psychoanalytiker? Was die Frage impliziert: was wäre eine für diesen spezifischen Psychoanalytiker passende Assoziation? Und dann schien mir das ein bisschen verfrüht zu sein, aber es ist eine Frage, die jeder unter ihnen sich stellen könnte: welche Art von sozialem Band organisiert den Diskurs, wenn das Objekt klein a an die Stelle des Maitre/Meisters kommt? In dem Eins, nicht dem Strich der barrt, sondern dem Buchstaben, gehört all das zu den bis heute nicht gelösten Schwierigkeiten. Es scheint mir, dass, wenn die Schüler eine Ambition haben sollen, es die ist, auf diese Frage zu antworten, die völlig gegen den Strich dessen geht, was unser spontanes Streben ist.
Ich habe erfahren, dass es in den USA, in denen das Schlimmste und das Beste gemacht wird, industrielle Gesellschaften gibt, deren Verwaltungsrat sich um einen Tisch herum trifft, an dem der Sessel des CHAIRMAN leer war. Das Problem ist – denn es scheint, diese Gesellschaften funktionieren sehr gut – dass es den Platz dieses Sessels gibt. Wenn sie ihn wegnehmen, ändert das alles. Das, was das Talent von Lacan war, ist, diesen Platz des Sessels einzurichten und er hat Wort für Wort folgendes gesagt: „Mein einziger Fehler ist, diesen Sessel einzunehmen“ Wie aber diesen Sessel zur Geltung bringen, wenn nicht gerade eben durch seine Autorität?
Das ist also die Art der Fragen, die die der neuen Generation sind. Wenn man diese Probleme nicht korrekt löst, und zwar mit allem Respekt, der denen, die sich bemühen, dass dieser Sessel, dieser Platz eingerichtet wird, gebührt, selbst wenn sie diesen Platz einnehmen müssen, um zu bewirken, dass dieser Platz respektiert wird, nun, auf dass die neuen Generationen einen entscheidenden Schritt, einen wesentlichen Schritt tun können und es uns erlaubt ist zu hoffen, dann durch diese Art von – ich würde sagen – geistigen Fortschritt, von dem ich Ihnen versichere, dass er radikal diese Beziehung ändert, die wir zu den Werten haben, die uns herumhetzen.
Es gibt derer zwei: einer ist traditionell und Freud kannte nur diesen: den phallischen Wert; der andere Wert – Lacan hat ihn theoretisiert – ist das Objekt klein a. Das sind die beiden Werte, hinter denen wir herlaufen, sie sind unsere wirklichen Maitre/Meister, diese beiden Werte, die machen, dass wir dumme Personen sind. Die einzige Art anzufangen, nachzudenken ist, diese Werte zu relativieren, ihnen gegenüber gespalten zu sein, wie die Frau im Verhältnis zum Phallus gespalten ist, denn auch wenn sie halb verrückt ist, ist sie halb vernünftig, denn sie ist im Verhältnis zum Phallus ebenso wie zum Objekt a gespalten, wie das Subjekt des Phantasma es ist. Geben Sie also dem Subjekt des Phantasma seinen Platz.
Wenn wir nicht den Mut haben, diese grundsätzlichen Fragen anzugehen, würden wir uns damit zufrieden geben, das zu wiederholen, was schon immer die Hauptschwierigkeit der Psychoanalyse gewesen ist, d.h. ihre Einrichtung als eine Disziplin, die dem spontanen Wunsch des Subjekts widersteht, das ein Maitre/Meister sein will und das vergessen will, dass es im Bezug auf das Objekt seines Begehren immer gespalten ist.
(Übersetzung Johanna Vennemann-Bär) (französischer Originaltext: Hier)
Vor-/Nachbemerkung
Die Ehre, dieser Rede von Rom unter der Simultanübersetzung von Johanna Vennemann-Bär, die auch diese Übersetzung des von Janja Jerkov nach einer Tonbandaufzeichnung eingerichteten französischen Textes besorgte, beizuwohnen, hatte ich – nach 9 Monaten Inkubationszeit eines fast völligen Vergessens – ein zweites Mal, als mir diese Rede im Dezember 2008 wieder begegnete: Umgetrieben von der Un-Möglichkeit der Gesellung, vier geschätzten, streitenden Damen des PSYCHOANALYTISCHEN SALON schreibend, fiel der seit 5 Jahren in der Schwebe gehaltene Entschluss zur Gründung der WERKSTATT FÜR PSYCHOANALYSE FÜR SOZIALE UND KULTURELLE BILDUNGEN.
Als ich dann meiner Frau in Rom am Telefon auseinandersetzte, was ich bereits 1999 das erste Mal formuliert hatte, wie es unter Psychoanalytikern vielleicht ein klein wenig anders zugehen könnte, war sie an diese Rede Charles Melmans erinnert, nahm den Text zur Hand und übersetzte ihn erneut. –
Nach zweistündigem Ringen am Telefon zwischen Kassel und Rom um diese und jene Formulierung, in dem Versuch, die Gedanken des anderen, die Melmans, die ihren, die meinen verständlich zu machen, war ich meines Schrittes noch einmal anders gewiss. So zolle ich ihm an dieser Stelle Referenz und hoffentlich Ehre.