Auszüge aus dem Seminar von Charles Melman: Wie heute in die Psychoanalyse einführen

(S80) … Was ist das, diese uns gemeinsame Angst? Sie besteht aus dem Bedürfnis, dass unser Begehren mit dem des Anderen, des großen Anderen konform sein möge. In anderen Worten, wir brauchen es, dass unser Begehren als das desjenigen ausgemacht wird, den Lacan den großen Anderen nennt, diesen Ort, der von der signifikanten Kette besetzt ist. Wir brauchen diese Konformität, diese Übereinstimmung, damit unser Begehren sich autorisiert fühlt. Um den Preis dieser Legitimation gelangen wir von der Angst zum Frieden.
Um es präziser zu sagen, es ist angebracht, dass wir zusammen mit dem großen Anderen ein Objekt finden, einsetzen, das er als begehrenswert anerkennen würde und das somit gleichzeitig unser eigenes Begehren organisieren würde. Noch anders: dass wir uns mit ihm verbinden, vereinigen, um das herum versammeln, was die Gemeinsamkeit (Gemeinschaft) eines Objekts, das zusammen als begehrenswert bezeichnet wird, wäre. …   


(S84) Was ist der Sinn der Behauptung, das Objekt a sei ein verlorenes Objekt, wenn es doch ein „reales“ Objekt (Plazenta, Kot, Stimme, Blick) ist?


Der Sinn dieser Behauptung liegt in folgendem: es gibt in Wirklichkeit kein Objekt, das uns eine Konformität der Begehren des Subjekts mit dem großen Anderen garantieren kann, und zwar aus dem einfachen Grund, weil, wenn die Mutter auch ursprünglich diesen Anderen verkörpert hat, dies eine hinreichend vorübergehende Verkörperung war, um daran zu erinnern, dass im großen Anderen niemand ist. Weder jemand, der uns erwartet, noch um uns das vorzuschreiben oder zu bezeichnen, was das Objekt wäre, das uns unsere Übereinstimmung mit seinem Begehren versicherte. So funktionieren wir mit dem Mythos eines definitiv verlorenen Objekts, insofern als dieses Objekt eventuell diese Möglichkeit gehabt hätte, uns mit dem großen Anderen in jenen Einklang zu bringen, der uns unser Wohlergehen und unseren Frieden garantierte. …


(S85) Wir situieren das Objekt a klar und einfach als ein reales, vom Körper abgetrenntes Objekt, das das Fantasma organisiert, d.h. das die Suche, das Begehren eines Subjekts lebendig macht und zwar in einer vollkommen mythischen Beziehung zum großen Anderen.

Und da könnte ich Sie daran erinnern, dass unser größtes Begehren – man darf sich darin nicht täuschen – sicher nicht das ist frei zu sein, sondern das einen Führer zu haben! … Wer hat schon Lust frei zu sein? …


(S89) Ich möchte sie darauf aufmerksam machen, dass es Leute gibt, die das Talent und die Schamlosigkeit besitzen, sich als Zwischenobjekte vorzuschlagen, gleichermaßen wie das Objekt a,  als Intermediaire, Vermittler zwischen Ihnen und dem großen Anderen, Leute, die kommen um dieses Objekt zu verkörpern. Es sind wohlvertraute aber oft nicht sehr sympathische Leute. Ein Prophet präsentiert sich als derjenige, der es Ihnen durch die Lehre, die er übermittelt erlauben wird, zu einer Einigung mit dem großen Anderen zu gelangen. Er sagt Ihnen, was vom großen Anderen gewünscht (begehrt) wird, er garantiert Ihnen, dass Sie, wenn sie sich dem was der große Andere begehrt entsprechend verhalten, die größte Befriedigung erlangen, es gibt da immer einen Gewinn. In dem selben Register finden wir dann die, die zur Geistlichkeit gehören wie die Mitglieder eines Klerus, die diese Verbindung zwischen dem menschlichen Wesen und dem großen Anderen herstellen, sich als solche vor – darstellen und dadurch einen Ausnahmestatus in der Kollektivität einnehmen. Vielleicht ist es wirklich besser, dass sie, um ihre Funktion als Objekt a zu garantieren, von der Sexualität befreit sind, denn sonst könnte das zu einer Jouissance führen, deren Komplexität die Einfachheit, die das Objekt a vorschlägt stören würde.


(S90) Vielleicht haben sie schon ein seltsames Phänomen um sich herum beobachten können: Es gibt Psychotherapeuten, die für ihre Patienten das Objekt einer Besetzung sein werden, als ob sie genau eben der Träger dieses Wissens wären, das dem Subjekt erlaubte, mit dem großen Anderen in Einklang zu sein, d.h., es gibt Unschuldige, die in einer psychotherapeutischen Aktivität engagiert sind und sich durch die Ausübung dieser Aktivität in einer seltsamen Position befinden, und zwar die, diejenigen zu sein, die es gestatteten, den Einklang mit dem großen Anderen zu realisieren. Daher fragt sich dann in diesem Fall der Patient – den man gelegentlich auch Analysant! nennt -  was man von ihm will. Was muss er geben, was muss er aufgeben, abgeben damit dieser Einklang sich vollzieht? Und der Analysant erforscht eine gewisse Anzahl von Möglichkeiten, von Virtualitäten.
Da trennt sich die freudsche Praxis von der lacanschen Praxis, bezüglich dessen was es mit dem Zweck und dem Ausgang einer Kur auf sich hat. Die Freudsche, auf einem Element des gesunden Menschenverstands Freuds beruhende Praxis war immer die, auf die Frage des Patienten zu antworten und ihm zu sagen, das das was der große Andere will ist, dass er voegelt, dass er eine Familie hat, dass er arbeitet und die anderen in Ruhe lässt, den andern nicht auf die Nerven geht… Ein Antwort, die natürlich das Gewicht, die Bedeutung hat, sozial nachgeprüft zu sein, mit den sozialen Werten in Einklang zu sein und gleichzeitig die Psychoanalyse in ein Feld reintegriert, das man die Psychotherapien nennen könnte. Das was man von einem Psychotherapeuten erwartet ist, das er gute Rezepte gibt, ein guter Fuehrer für Ihr Leben ist, dass er Ihnen sagt, was es zu tun gilt.
An diesem Punkt trennt Lacan sich von Freud, denn aus Gründen, die nicht von der Persönlichkeit Lacan abhängen, sondern von einem strukturellen Apparat, der für ihn am Werk zu sein scheint und der der Maitre dieser ganzen Sache ist; Lacan unterstreicht sehr, dass es im großen Anderen gerade eben keine Vorschriften weder für das Begehren noch für das Verhalten gibt. Letzten Endes können Sie sich für Ihr Begehren, Ihr Verhalten nur selbst autorisieren. Ich muss sagen, dass das ein Thema ist, für das viel Tinte geflossen ist. Es ist genau diese Aufstellung (mise en place), die bewirkt, dass es keinen anderen Fuehrer gibt als dieses Objekt a, das da unser Fantasma organisiert, dass es aber kein Subjekt gibt, das dies gültig macht, niemand um uns zu sagen, das ist gut oder das ist derjenige und kein anderer!
Und genau diese Aufstellung nennt Lacan die Passe. Ganz einfach! Fast 30 Jahre nachdem Lacan diese Frage der Passe theoretisiert hat ist es vollkommen legitim, das wir heute ganz einfach ein Antwort darauf finden, was sie konstituiert. Lacan geht oft maskiert vor, er hat Recht, denn er will sich auf seine Art zu Gehör bringen und er bringt seine Sachen maskiert vor aber er ist trotzdem im Grunde sehr einfach und ich glaube das diese Art von Überblick, den ich Ihnen hier gegeben habe das sehr gut illustriert.
   
Übersetzung: Johanna Vennemann-Bär

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