Lektüreseminar

Die Identifizierung

Lektüre und Diskussion des Seminars IX von Jacques Lacan
Leitung: Eckhard Bär, Psychoanalytiker

Die Identifizierung ist ein primär unbewusster psychischer Vorgang, in dem jemand einem „Vorbild“ entsprechend, eine Eigenschaft, eine Haltung oder ein Symptom etc. als einen einzelnen Zug von einem anderen Menschen übernimmt. Dadurch findet er sich – darin diesem Anderen entsprechend – verändert. Da dieser Vorgang, in dem jemand jeweils einzelne Züge des Anderen übernimmt, im Wesentlichen aber unbewusst bleibt, kann er diese Züge nur als eigene, sich zugehörige Züge erkennen. 
Somit begreift der Mensch sich in dem, was ihm durch den Anderen begegnet, als ein Ich, in dem er sich aber zugleich eigen und fremd ist. Das Subjekt bildet sich also bereits in einem Konflikt, demzufolge das Ich sich seiner selbst nie sicher sein kann. Die kontinuierliche Bedrohung seiner Identität, „im Innersten“ seiner selbst, führt zu einer ängstigenden Spannung, die als Angst oder verwandelte Aggressivität zwischen den Menschen wiederkehrt. Jeder Mensch hat durch die Identifizierung, die ihn überhaupt konstituiert, auch ein „Idealbild“ in sich errichtet, dem er unweigerlich in dem Versuch, sich selbst zu bestimmen, folgen muss. Deshalb muss er fortgesetzt versuchen, die nicht – oder nur um den Preis der Verkennung – schließbare Kluft zwischen „seinem“ Ideal-Ich und „seinem“ Ich-Ideal zu überwinden, also die Kluft zwischen dem, wie er sich selbst als liebenswert sieht und dem, wie er glaubt sein zu müssen, um vom anderen geliebt und geachtet zu werden.
Auf diese Weise kommt es auch zu einer mentalen Angleichung an den Anderen. Denn wie die „Vorbilder“, die das Werden des einzelnen Menschen als ein Ich ermöglichen, übertragen sich auch die familiären und gesellschaftlichen Idealbilder durch Identifizierung mit ihren sozialen Normen und Werten. So finden vermittels dieser Identifizierungen auch Gruppen-, Gemeinschafts- und Massenbildungen, als Konstitution des Sozialen, wie auch als Destruktion des Bestehenden statt.

Für Lacan geht es bei der Identifizierung nun darum, den Bezug eines jeden zu sich selbst zu präzisieren. Es geht darum, dass diese Identifizierungen des Subjekts vermittels jeweils einzelner Züge als Funktion sprachlicher Elemente, den sogenannten Signifikanten, stattfinden. Mit diesen kann sich das Subjekt, soweit sie bewusst sind, bezeichnen und wird, soweit sie unbewusst sind, von ihnen bezeichnet. Wenn nun aber das Auftauchen des Subjekts der Effekt eines bezeichnenden sprachlichen Elements ist, eines Signifikanten, so ist es notwendig, dessen Status im Unterschied zu einem Zeichen genauer zu bestimmen. Diese Neuinterpretation der Identifizierung erfolgt in dem Seminar Lacans u. a. in der Entfaltung der Bedeutung des Eigennamens für den Einzelnen und durch die Infragestellung des Satzes der Identität, A = A, der klassischen Logik. Denn unter bestimmten, für die Bildung des Subjekts wesentlichen Bedingungen, ist A nicht gleich A. Darin findet auch die Spaltung des Subjekts in bewusst und unbewusst einen Grund. Spannend ist in dem Seminar die nähere Bestimmung des zuvor benannten einzelnen Zugs, der das Subjekt und das Objekt im Psychischen in Bezug auf das, für jeden maßgebliche, unbewusste Objekt des Begehrens verortet.

Das Lektüreseminar geht vom übersetzten französischen Text aus. In ihm arbeiten Psychoanalytiker, Ärzte, Therapeuten, Wissenschaftler, Lehrer, Sozialarbeiter, Handwerker, Künstler, Freiberufler und andere Dienstleister in einem regen Austausch und verbinden Fragen des Textes mit ihrem beruflichen und persönlichen Hintergrund.  
Interessierte sind herzlich willkommen. 

ORT: Seminarraum Moselweg 27, 34131 Kassel 
INFORMATION/ANMELDUNG: Eckhard Bär, Tel. 0561 - 31 38 42, Mail: info[at]werkstatt-fuer-psychoanalyse.de

ZEIT:
Samstag
14.30 – 18.30 Uhr

TERMINE:
2018
20. Januar
10. Februar
10. März, 17. März
14. April, 5. Mai
26. Mai, 16. Juni
20. Okt.
10. und 24. Nov.

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Kontakt: Eckhard Bär | Moselweg 27 | 34131 Kassel | Tel. 0160 96 96 64 94 oder 0561 31 38 42